Praxis für Verhaltenstherapie Wien, klinische Psychologie und Arbeitspsychologie in Wien

Mag. Susanna Ronay

Stefanie Stahl

Das Kind in dir muss Heimat finden

Teil 1:  Jeder von uns kennt es – es gibt Situationen, in denen wir unverhältnismäßig heftig reagieren. Sei es, dass wir besonders rasch gekränkt sind, traurig werden, wütend werden oder eine innere Blockade wahrnehmen und nach außen hin gar nicht mehr ragieren können. Oft ist es dann gar nicht unser Erwachsenen- Ich, das in der Situation angemessen reagiert, sondern unser inneres Kind, das jeder von uns in sich trägt. Schematherapeutisch werden das „verletzte innere Kind“, das „fröhliche innere Kind“ und das „wütende innere Kind“ voneinander unterschieden.

Stefanie Stahl spricht von zwei inneren Kindern- dem „Schattenkind“, welches negative Emotionen wie Trauer, Wut, Angst oder Hilflosigkeit umfasst. Und von dem „Sonnenkind“, das positive Gefühle beschreibt- Neugier, Freude, Lebenslust, Spontaneität…

Das innere Kind erfährt seine Prägung in der frühesten Kindheit. Wie verlief unsere Erziehung? Streng? Zurechtweisend? Offen? Ermutigend? Wertschätzend? Erfuhr man, dass man willkommen war oder erlebte man sich stets als  Störefried? Die Psychologie belegt seit langem, dass man sich an negative Ereignisse eher erinnert als an positive. So reichen wenige negative Erfahrungen in den ersten Jahren durch Eltern, Bezugspersonen, Geschwister oder Peers um unseren Selbstwert bis heute zu drücken.

„Glaubenssätze“ aus dieser frühen Kindheit halten sich besonders hartnäckig. Diese können lauten- „Ich bin nichts wert.“, „Ich schaffe nichts.“, „Ich bin dumm.“, „Ich muss perfekt sein.“…

Das vorliegende Buch führt nicht nur in die Theorie ein, sondern leitet den Leser/ die Leserin auch an, sein/ihr eigenes Schattenkind zu finden und sich diesem hinzuwenden. Der Prozess dorthin ist meist schmerzhaft, weshalb das Schattenkind- unsere sehr verletzliche und oft beschämende Seite- über Jahre beschützt wird- durch Realitätsverweigerung, durch Projektion, durch Perfektionsstreben und Schönheitswahn, durch ein Helfersyndrom, etc. Eindrücklich und sehr verständlich beschreibt die Autorin alle Schutzstrategien, die im Laufe der Jahre aufgebaut und angewendet werden. Auch Süchte können als Schutzmechanismen dienen.

Einige Übungen leiten dann den heilsamen Umgang mit unseren Schattenkinder an. Damit diese Ruhe finden und Raum frei wird für die Sonnenkinder.

Im 2. Teil des Buchs von Stefanie Stahl geht es um das „Sonnenkind“ in uns. Zunächst wird die Leserin/ der Leser angeleitet, dieses zu finden und zu beschreiben. Es geht um positive Glaubenssätze und Stärken und Ressourcen (Wo können Energien aufgeladen werden? Wer spendet Kraft und Halt? etc.). Weiters sollen Werte und Wertvorstellungen entdeckt werden- welche Werte sind mir wichtig? Für welche Werte will ich besonders eintreten? In der Regel sollen diese den Ängsten und Sorgen unseres Schattenkindes, dem verletzten inneren Kind, entgegenwirken.

Die Autorin betont die Verantwortung, die jede und jeder in sich trägt- für sein/ ihr Glück, für seine/ ihre Zufriedenheit, für seine/ ihre Stimmung.

In sehr kurzen und prägnanten Kapiteln beschreibt die Autorin Verhaltensweisen und Einstellungen, die Gegengewichte zu den Schutzmechanismen des Schattenkindes darstellen. So geht es hier beispielsweise um Ehrlichkeit zu sich und gegenüber anderen, um ein neues Bewußtsein für seine Bedürfnisse, seine Körperwahrnehmungen, um das Zulassen und das Erleben von Genuss, um aktives Zuhören, etc. Es ist eine Ansammlung von verschiedensten Themen, die allesamt zu einer höheren Ausgeglichenheit und Lebenszufriedenheit führen sollen und die den Schutzmechanismen des Schattenkindes entgegen stehen.

Einen interessanten Exkurs gibt es zum Thema Süchte und dem loskommen von diesen. Hier betont die Autorin den großen Willen, den es bedarf. Auch ist es notwendig zu hinterfragen, was an der Sucht geliebt wird, und welche Ängste mit dieser bekämpft werden. Stattdessen sollen die Ängste zugelassen und ausgemalt werden, wie die Entwicklung bei gleich bleibendem Suchtverhalten aussehen könnte. Auch ist es hilfreich, sich die neue Lebensweise ohne Sucht ausführlich auszumalen.

Es ist ein sehr gelungenes Buch von Stefanie Stahl, in dem vermutlich sehr viele Leser und Leserinnen auf die eine oder andere Art und Weise berührt und angesprochen werden. Nicht umsonst ein Bestseller.

stefanie stahl kind in dir

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